«Das ist doch bestimmt schwer», höre ich oft. Viele Menschen wundern sich, wie ich es als lebensfroher Mensch schaffe, mich täglich mit dem Tod und seinen Wirkungen zu beschäftigen. Tatsächlich ist es so, dass kein Thema und keiner meiner Jobs mich bisher so bereichert und erfüllt hat, wie meine Beschäftigung mit Fragen rund um Trauer- und Sterbebegleiterung. Es ist so unendlich wertvoll, die Endlichkeit und ihre Fragen als Wegweiser fürs Leben zu nutzen. Menschen in der schweren Zeit der Trauer unterstützen zu dürfen. Einen stabilen Halt anzubieten. Beim Abschiednehmen und reflektieren, bei Übergängen und Neuanfängen. Einfach voller Liebe ein Teil des Lebenszyklus zu sein.

In der Regel wird der Gedanke an den Tod in unserer Gesellschaft verdrängt. Pläne verschieben sich immer wieder auf später.  Irgendwann wird sie kommen, die richtige Zeit für die Umsetzung. Ebenso wirst Du es dann bestimmt auch schaffen, wertvolle Stunden mit Deinen Liebsten zu verbringen. Davon bist Du überzeugt.

 

Doch wann ist eigentlich irgendwann?

 

Obwohl täglich verrückte Dinge geschehen, welche Dich vom Gegenteil überzeugen könnten, hältst Du an dieser Überzeugung fest. Der Tag, an dem sich alles auf magische Weise verändern wird, wartet auf Dich. Doch woher nimmst Du diese Gewissheit? Geliebte Menschen werden krank. Du hörst von Unglücken, welche in Deiner Umgebung und überall auf der Welt geschehen. Rentner, die sich zuvor jahrzehntelang auf ihren Ruhestand gefreut haben, sterben am ersten Tag ihres neuen Lebens an einem Herzstillstand. Menschen, welche ihr Leben in vollen Zügen geniessen wollten, wenn der richtige Zeitpunkt dazu gekommen ist.  Sicher, dass noch unendlich viel Zeit zur Verfügung stehen wird. Irgendwann.

 

 

Unerwarteter Tod?

Sind wir ehrlich mit uns selbst, wissen wir, dass es einen unerwarteten Tod gar nicht gibt. Denn tatsächlich trifft er uns alle irgendwann. Dich, mich und alle unsere Liebsten. Sobald wir auf dieser Welt sind, haben wir keine Garantie für irgendwas. Die Gewissheit irgendwann zu sterben vereint uns jedoch alle und ist das Einzige, was in unserem Leben feststeht. Wir gehen dennoch davon aus, von dieser Tatsache verschont zu bleiben. Anders kann ich mir nicht erklären, wie wir auf die Idee kommen unser wertvollstes Geschenk auf später zu verschieben: das Leben.

Ihm gegenüber verhalten wir uns fast überheblich, in der Überzeugung, die Zügel in der Hand zu halten. Unvorstellbar, wenn Du genauer darüber nachdenkst. Dennoch verstehe ich Dich absolut. Mir ging es sogar genau gleich. Du magst Dich nun fragen, was mich dazu bewogen hat mich mit meiner Endlichkeit auseinander zu setzen? Mir meines Lebens bewusst zu werden und es aktiv selbst in die Hand zu nehmen? Es so zu gestalten, dass es für mich und zu mir passt?

Ja, Du vermutest richtig: Meiner Geschichte gehen dunkle Stunden voraus. Tage, an denen ich es kaum geschafft habe, mich zu duschen. Von Aktivitäten ausser Haus mal gänzlich abgesehen. Nach dem Verlust meiner Mutter, der kurz danach ausgesprochenen Kündigung durch meinen Arbeitgeber und den Tod meines Grossvaters innert sechs Wochen, haderte ich selbst ganz schön mit der Realtität. Versuchte das Leben weiter wie Kaugummi auszudehnen und schob meine Entscheidungen für ein individuelles Leben vor mir her. Kehrte zurück in den bekannten Alltagstrott und hielt weiterhin durch, auch wenn sich alles falsch anfühlte.

Ein Jahr später starb mein Schwiegervater. Krebs. Drei Wochen von Diagnose bis Tod.

 

 

Wie beim Tod meiner Mutter fühlte ich mich vom System im Stich gelassen. Hilflos, überfordert, ohne Halt und fern von Sicherheit, kämpfte ich pausenlos – wenn auch klein und machtlos. In diesem Moment fasste ich den Entschluss: Hier muss sich was ändern! Da erkannte ich, dass nur ich es in der Hand habe, wie ich mich fühle. Ob ich alles mit mir geschehen lasse und überzeugt bin, alleine durch dunkle Täler schreiten zu müssen. Oder ob ich mir Unterstützung hole, wenn meine Kräfte zu schwach sind, um mich zur Wehr zu setzen. Wieder aufzustehen, weiterzugehen, neu zu beginnen.

 

Meine Sicht auf das Leben und jeden einzelnen Tag, hat sich seither komplett gewandelt. Mit einem Finger an der Pausetaste spürte ich damals, dass wir gemeinsam viel stärker sind als jeder für sich. Jede einzelne Sichtweise kann etwas dazu beitragen, das grosse Bild entdecken zu können. Die magische Energie der Liebe ist es, welche Situationen verändern kann.

 

Fazit:
Was Dir im Leben passiert, kannst Du maximal zu einem kleinen Prozentsatz beeinflussen.
Wie Du damit umgehst, hast Du jedoch komplett selbst in der Hand.

Meine Entscheidung fiel zugunsten des Glücks aus. Wie entscheidest Du Dich?