Cindy Jegge lebt und arbeitet in der Nordwestschweiz als Autorin und Schreib-Coach. Die Liebe zum Schreiben begleitet sie schon seit der Kindheit. Nun liess sie Traum endlich wahr werden und mit diesem Handwerk in die Selbständigkeit eintreten. Als Schreib-Coach ist es ihr Wunsch, den Menschen die Macht des Schreibens wieder näher zu bringen und ihnen aufzuzeigen, wie sie beispielsweise Blockaden lösen oder ihre Trauer verarbeiten können.

 

Fehlgeburt ErfahrungMehr über Cindy und ihre Arbeit erfährst Du auf ihrer Homepage.

 

In ihrem Gastartikel schreibt sie über das Tabuthema Fehlgeburt. Als selbstbetroffen Frau ist es ihr ein besonderes Anliegen das Schweigen zu brechen, welches in unserer Gesellschaft damit verbunden ist.

 

Gedanken zum Thema Fehlgeburt

Wenn wir von Tod, Beerdigungen oder den Hinterbliebenen sprechen, habe ich oft das Bild einer älteren Person vor Augen, welche gerade zu Grabe getragen wird. Ich male mir vor meinem inneren Auge aus, dass sie ein erfülltes Leben mit viel Liebe, Glück und Geborgenheit geniessen durfte. Vielleicht hatte sie eine grossen Familie mit Enkel- und Urenkelkindern, ein Haus und Garten und durfte friedlich in ihrem Bett neben ihrem Ehemann einschlafen.

 

Für mich beschreibt dies die absolute Wunschvorstellung, wie ich eines Tages diese Welt verlassen möchte. Doch was ist, wenn ein Leben gehen muss, welches noch eigentlich gar nicht begonnen hat? Wie trauere ich um diesen geliebten Menschen und wie beerdige ich jemanden, von dem ich keine Überreste habe? Meine Gedanken sind hier bei den zahllosen Babys, die nie das Licht der Welt erblicken durften, weil sie bereits im Mutterleib ihre letzte Reise antraten. Wie können Betroffene damit umgehen und ihrem Kind die letzte Ehre erweisen?

 

 

Ungeboren heisst nicht inexistent

Für alle die glauben, eine Fehlgeburt sei einfacher wegzustecken, da man dieses kleine Würmchen nie kennengelernt hatte, es nie auf den Arm nehmen durfte und vielleicht auch seinen Herzschlag nie hörte, die irren sich. Es ist schwer, sehr schwer. Eltern entwickeln ab dem Wissen um eine Schwangerschaft, eine unbeschreiblich grosse Liebe und sie warten mit Sehnsucht auf das beste Blind Date ihres Lebens, nämlich die Geburt des eigenen Kindes. Doch dies bleibt ihnen verwehrt. Die Betroffenen werden um das grösste Glück überhaupt gebracht, nämlich sein eigen Fleisch und Blut aufwachsen zu sehen. Doch egal ob mit 3kg und 48cm geboren oder nur mit der Grösse eines Reiskorns, das kleine Menschlein existiert schon, bevor wir überhaupt wissen, dass wir schwanger sind. Und genauso sehr schmerzt dieser Verlust, wenn wir unser geliebtes Baby gehen lassen müssen.

 


Doch wie trauerst Du ohne menschliche Überreste?

Vor allem bei frühen Fehlgeburten gibt es keine Überreste, welche die Betroffenen bestatten können. Es gibt kein Grab, an das man jede Woche Blumen bringen kann oder einen Moment der Nähe findet, wenn der Schmerz schier unerträglich scheint.

  • Trotzdem kann man beispielsweise einen besonderen Ort in der Wohnung gestalten mit einer Kerze, einer schönen Karte oder einem Schutzengel. So erhält man die Erinnerung aufrecht und hat die Möglichkeit immer wieder zu gedenken und die Angst zu vergessen, wird ein wenig kleiner.
  • Ausserdem gibt es Onlineplattformen auf denen man sich mit einem Gedicht oder selbstgeschriebenen Text verabschieden kann. Es gibt einem so die Möglichkeit, Spuren des Kindes zu hinterlassen.
  • Eine weitere Möglichkeit ist es, am errechneten Geburtstermin etwas Besonderes zu unternehmen, um sich so nochmals verabschieden zu können. Dies kann ein Ausflug in die Berge oder ans Wasser sein oder einfach zu einem Ort, welcher Trost spendet und man mit sich und seinen Gedanken alleine sein kann (wenn man dies denn will).
  • Ich persönlich schreibe sehr gern und viel. So ist dies auch nach Schicksalsschlägen eine tröstende Handlung. In diesen Situationen schreibe ich mir einfach alles von der Seele. Egal ob traurig, wütend, böse oder verzweifelt. Es wird jeder Gedanke festgehalten. Niemand wird mich für das verurteilen, denn es ist nur für meine Augen bestimmt. Dies gibt mir die Freiheit, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und ich fühle mich danach immer besser, wenn auch nur ein kleines Bisschen.

Manchmal kommt dabei (ich nenne diesen Prozess „schreibend trauern“) auch etwas für die Nachwelt heraus. In meinem Fall war es eine Kurzgeschichte. Einen Ausschnitt davon, möchte ich nun mit dir teilen:

 

Eine Million Sterne

„Meine Gedanken machten sich selbständig. So viele Eindrücke und Erlebnisse galt es zu verarbeiten. War diese Reise eine Flucht? War ich nur von meinem Schicksal geflüchtet und traf mich alles mit der gleichen Wucht wieder, sobald ich einen Fuß in mein Heimatland setzte? Vehement schüttelte ich den Kopf, um die negativen Gedanken zu verdrängen. Dieser Moment war zu kostbar, um mir das Hirn über die Vergangenheit oder die Zukunft zu zermartern.

Meine Konzentration galt wieder dem nächtlichen Himmel. Eine Sternschnuppe blitzte eine Sekunde lang auf und das Herz in meiner Brust verkrampfte sich. „Ein Stern in meinem Herzen“, ja so hieß der beliebte Wortlaut, um auszudrücken, dass man ein Kind verloren hatte. Auch ich trug so einen Stern jeden Tag bei mir. Seine Zacken stachen, mal mehr mal weniger, schmerzhaft in mein Fleisch aber er war keine Sekunde lang vergessen.

Zu genau erinnerte ich mich an den Tag, als mein Arzt die vier Worte sagte, an denen meine Welt zerbrach. „Ich sehe keinen Herzschlag“, meinte er sachlich und zeigte auf das Ultraschallbild. Verzweifelt und von Tränen schon fast blind, starrte ich panisch zwischen ihm und dem Bildschirm hin und her. Da wo eigentlich mein größter Wunsch, meine größte Liebe hätte sein sollen, war nur eine winzig kleine, leere Blase. Kein Embryo, kein schlagendes Herz, keine Bewegungen. Nur ein schwarzer Fleck.“

Die ganze Geschichte wirst du in Sabrina und meinem neusten Buchprojekt lesen können, welches sich mit dem Thema Fehlgeburt auseinandersetzt. Wir halten dich auf unseren Kanälen auf jeden Fall auf dem Laufenden.

 

Wieso wird nicht darüber gesprochen?

Ich frage mich stets erneut, wieso das Thema Fehlgeburt immer noch als Tabu gilt. Es wird in der Regel nicht darüber gesprochen und wenn, dann nur hinter vorgehaltener Hand und im Flüsterton. Dies verunsichert besonders die Betroffenen. Sie haben das Gefühl, nicht über ihr Schicksal sprechen zu dürfen. Ich bin jedoch der Meinung, dass es ein Verlust ist, wie jeder andere auch. Wenn meine Grossmutter stirbt, kann ich doch auch offen kommunizieren, wieso ich gerade traurig bin. Warum also nicht auch beim Verlust meines Babys?

Einen Grund, den ich mir vorstellen könnte ist, dass sich viele Frauen selbst die Schuld dafür geben, was passiert ist. Sie machen sich dafür verantwortlich und sehen es als ein Versagen ihrerseits an. Doch dies ist nicht so. Wir haben es leider nicht in der Hand, ob unser Baby leben soll oder nicht und uns trifft auch überhaupt keine Schuld. Die Situation ist schon schlimm genug, da sollten wir uns nicht auch noch um Schuldgefühle kümmern müssen.

Meine Mission in dieser Hinsicht ist glasklar: Ich will mit diesem Tabu brechen und möchte, dass jede betroffene Frau die Möglichkeit hat, offen und ohne Scham über ihren Verlust zu sprechen, wenn sie es will. Dies war auch der Antrieb für unser Buchprojekt. Denn wir können nichts bewirken, wenn wir uns still und leise ärgern.

Wir müssen aufstehen, laut werden und unseren Wunsch in die Welt hinaus tragen. Nur so können wir etwas verändern.

In diesem Sinne, möchte ich dir Mut machen, für deine Überzeugung einzustehen. Denn gemeinsam können wir die Welt zu einem besseren Ort machen.

Deine Cindy